Mut

Immer wieder mal werde ich in den Kommentaren oder auch im wirklichen Leben darauf angesprochen, wie mutig ich doch sei und dass das Respekt verdienen würde.

Ich finde das meistens leicht befremdlich, freue mich aber natürlich über das Lob. Aber ich finde nicht, dass das verdient ist. Ja, wir sind anders als die herkömmliche Vater-Mutter-Kind-Familie und nein, wir verstecken uns nicht und versuchen nicht, etwas zu verheimlichen.

Für mich hat das aber nichts mit Mut zu tun. Eher etwas damit, dass ich endlich zufrieden und glücklich mit meinem Leben bin. Es ist eher eine Erlösung als alles andere. So lange ich denken kann, hatte ich immer nur beste Freundinnen. Die Jungs habe ich immer nur aus der Entfernung angehimmelt. Als dann das Alter kam, als man eigentlich hätte so langsam anfangen sollen, sich einen Freund zum Händchenhalten anzuschaffen, hätte ich das auch gerne gemacht. Ich war auch ständig irgendwie in irgendjemanden “verliebt”, aber das spielte sich alles nur in meinem Kopf ab und die Umsetzung in die Realität war mir einfach nicht möglich. Ich habe seitenlange Tagebucheinträge darüber, in denen ich mir Gedanken mache, wieso ich das nicht kann, wieso ich niemanden (männliches) an mich ran lasse, obwohl es an Verehren eigentlich nie gemangelt hat. Immer bekam ich so Sachen zu hören wie, die ist kalt wie ein Fisch. Rennt hier halbnackt rum und lässt keinen an sich ran. (Ich hatte schon immer eine Vorliebe für tiefe bis sehr tiefe Ausschnitte.) Oder aber, ich sei doch verrückt, einfach weil ich nie irgendwo hundertprozentig dazu gepasst habe und gerne auch mal meinen schrulligen Ideen gefolgt bin. Ich habe das nie verstanden und mich immer und immer wieder gefragt, was denn an mir so falsch ist, dass ich nie einen abbekam. Ich hatte mich mit 18 schon damit abgefunden, dass ich den Rest meines Lebens alleine sein würde.

Bis ich Cerah traf und dann machte alles auf einmal einen Sinn. Auf einmal war jemand da, der einfach zu 100 Prozent zu mir passte. Den ich an mich rankommen ließ sowohl emotional als auch physisch. Dass dieser jemand eine Frau war, war mir egal. Um ehrlich zu sein, machte das vieles einfacher. Endlich hatte ich das Gefühl angekommen zu sein und dass es da jemanden gibt, der mich genauso mag wie ich bin. Schrullig, verquert, unsicher, schweigsam und stur. Über die Reaktion meiner Familie habe ich nie wirklich nachgedacht. Mir klar, dass das am Anfang nicht unbedingt leicht für sie sein würde, aber mit der Zeit würde das schon werden. Und so war es auch. Ich bin immer noch die gleiche Belle, die ich schon immer war, nur glücklicher, zufriedener und entspannter.

Als dann Mr. Squishy kam, war auch endgültig allen klar, dass das nicht nur eine Phase ist, sondern dass ich tatsächlich gedenke, den Rest meines Lebens mit meiner Frau zu verbringen. Für meine Eltern, die beide total in Kinder vernarrt sind, war es eine Überraschung und vermutlich auch eine Erleichterung, dass sie nun doch Enkelkinder bekommen würden, denn ich denke, das war wohl das schwerste, sich damit abzufinden, dass niemand mehr nachkommen würde, der bewahrt, was sie sich so hart erarbeitet haben.

Wenn man das ganze (frühe) Leben lang, das Gefühl hat, mit einem Dorn im Fuß durch die Gegend zu hinken und dann der Dorn auf einmal weg, von jemandem gezogen wird, dann ist glaube ich auch verständlich, dass unser Leben nichts mit Mut zu tun hat. Ich habe voller Freude jedem, der es hören wollte, erzählt, dass ich mit Cerah zusammen bin und wie gut es mir damit geht. Und mit Squishy ist es nicht anders. Er ist ein wundervolles Kind, auf das wir beide sehr stolz sind und das werde ich auch nach außen tragen. Mache ich ja bereits.

Die Reaktionen der Umwelt sind überraschend positiv. Wir haben noch nie etwas negatives zu hören bekommen, was natürlich auch daran liegen kann, dass es nichts gibt, worüber man tratschen könnte, denn es ist ja alles ganz klar nach außen sichtbar. Wir sind scheinbar auch ganz nette und normale Menschen, die man nicht gleich hassen muss, wenn man sie sieht. Am liebsten sind mir die Leute, die fragen einfach weil sie neugierig sind. Meistens bemüht sich der Fragende  ja auch, politisch korrekt zu sein und uns nicht vor den Kopf zu stoßen. Was ich fast schon wieder amüsant finde, aber auch gut verstehen kann.

Vielleicht ist jetzt eher verständlich wieso ich nicht finde, dass wir besonders mutig sind. Wir sind einfach nur wir. Anders und trotzdem genauso wie jede andere Familie auch.

Mitläufer

Früher habe ich immer geglaubt, dass ich ein Mitläufer gewesen wäre – im Naziregime. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Von der Menschheit im Allgemeinen halte ich nicht viel. Ich habe ein recht negatives Menschenbild und erwarte von allen nur das schlechteste. Die Menschen sind nun mal egoistisch, opportunistisch und grausam. Und werde deshalb auch immer wieder positiv überrascht. Denn wer das schlechteste erwartet kann nicht enttäuscht werden.

Als Teenager habe ich viele Jugendbücher gelesen. Viele mit politischen Themen, über Widerstand und die Ungerechtigkeit der Welt. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir davon die ganzen Anti-Atomkraft-Bücher (Die Wolke etc.), ein Buch mit von Jugendlichen geschriebenen Kurzgeschichten über die verschmutzte Umwelt der Zukunft, viele Bücher über die Nazizeit (Damals war es Friedrich, Chaja heißt Leben, Das Tagebuch der Anne Frank und viele mehr) und über das Recht auf Selbstbestimmung (Das Haus der Treppen).

Kinder haben wollte ich nie. Ich fand es immer unfair, Kinder in eine Welt zu setzen, die keine Zukunft hat und in rasantem Tempo auf ihr Ende zurast.

Ich habe damals viel nachgedacht. Über mich, die Welt, die Vergangenheit, die Zukunft. Immer war ich der Ansicht, dass ich – hätte ich in der Nazizeit gelebt – garantiert ein stiller Mitläufer oder aber mit Feuereifer dabei gewesen wäre. Das mit dem Feuereifer habe ich nie wirklich geglaubt, weil ich mich eigentlich für fähig halte, selbst zu denken. Also wäre ich Mitläufer gewesen.

Dachte ich für lange Zeit.

Wenn ich heute allerdings auf meine Teenagerzeit zurückblicke und mir anschaue, was und wie ich heute bin, dann zweifle ich daran. Denn ein Mitläufer war ich nie. Ich hab’s versucht, es hat nicht funktioniert. Also habe ich den Ton in meinem kleinen Zirkel angegeben. Angepasst sein scheint nicht für mich gemacht.

Allerdings bin ich auch kein Rebell. Der aktive Widerstand ist auch nicht meins. Im Allgemeinen lasse ich die Leute machen, was sie wollen, so lange sie mich damit in Ruhe lassen und ich mein Ding machen kann. Was passiert, wenn man versucht, in meinem Leben rumzupfuschen, kann ich so genau gar nicht sagen, weil das noch nicht passiert ist. Vermutlich lächeln nach vorne und hintenrum sabotieren und trotzdem versuchen, alles so zu machen, wie es mir richtig erscheint.

Beschäftigen tut mich die Frage nach wie vor und eine vernünftige Antwort habe ich bisher nicht gefunden. Werde ich vermutlich auch nie, es sei denn, die Zeitreise wird demnächst erfunden. Und selbst dann wäre es nicht das gleiche, weil ich nicht den gleichen Wissensstand und Hintergrund hätte wie die Leute, die damals lebten.

Ich drehe mich also immer wieder im Kreis und finde kein Ende.

Lachnummer

Wenn es nicht wehgetan hätte, dann hätte ich vermutlich sogar gelacht.

Ich war gestern Abend mit dem Hund spazieren. Aus Überfressungsgründen fühlte ich mich nach einem längeren (also länger als 10 Minuten) Ausflug. Zudem war die Sonne gerade so romantisch am Untergehen und das ist immer einen Blick wert. Dummerweise fing es an zu tröpfeln und es wurde doch etwas schneller dunkel, als ich mir das vorgestellt hatte. So hatte ich die Wahl zwischen: Ich geh noch ganz nach oben auf den umgebuddelten Weinberg, der mal der Baggerspielplatz war, und nehme einen vernünftigen da befestigten Weg nach hause und brauche ewig oder aber Ich nehme den kurzen Weg, der aus Hang runterkraxeln und durch anderer Leute Felder führt und erst weiter unten zu einem echten Weg wird. Abenteuerlich wie ich bin, habe ich mich für kurz entschieden. Immerhin kenne ich diesen “Weg” bereits und bin ihn schon x-mal mit Squishy und Hund runtergegangen.

Dumm nur, dass es dieses Mal nicht so ganz funktionierte wie ich das gewohnt bin. Ich nehme mal, es lag daran, dass das Gras nass war. Auf jeden Fall wurde aus dem runterkraxeln ein unschönes Ausrutschen, auf die linke Körperhälfe knallen und den Hang hinunter rutschen. Meine Sandalen hat es durch diese Aktion auch gekostet. Die waren zwar alt aber ich hätte trotzdem gerne darauf verzichten können, dass sich die Sohle vom restlichen Schuh löst und meine Hose wurde durch wunderhübsche Grasflecken in Form von grünen Streifen am linken Hosenbein dekoriert. Ich kam etwas verdattert unten an und konnte schon fühlen, wie sich Teile meines linken Oberschenkels vom üblichen käseweiß in ein sattes blau-lila verwandelte. Die Schulter habe ich wohl auch erwischt, denn die tut mir heute genauso weh wie mein Schenkel. Aber wenn ich was mache, dann richtig. Sonst wäre das ja auch langweilig. Ich bin nur froh, dass ich den Hund nicht erwischt habe, denn der wäre ziemlich platt gewesen.

Und so leide ich heute still vor mich hin und fühle mich etwas steif. Ist aber alles weniger schlimme, als sich das gestern noch anfühlte.

(Ich kann mich übrigens nicht daran erinnern, als Kind jemals einen Hang runtergepurzelt zu sein. Wenn dann geschah das mit Absicht oder aber der doofe Junge aus der Nachbarschaft hat mich runtergeworfen, weil er es toll fand kleine Mädchen wie mich einen Hang voll Brennesseln runterzuschmeißen. Idiot. Die ganze Familie von dem hatte ein Rad ab. Der kleinste im Kindergartenalter saß öfter mal bei denen auf dem Dach, weil er es toll fand, da raufzuklettern.)