10 Jahre

2 Kontinente

3 Länder

1 Ehe (oder Lebenspartnerschaft, wie auch immer)

4 Wohnungen

3 Wohnorte

2 Katzen

1 Hund

3 Autos

1,5 Kinder

ein paar Tränen

viel Lachen, viel Freude

und noch mehr Liebe…

… und ändern würde ich nichts …

Letzte Woche war unser Jahrestag, der 10. mittlerweile bereits, der leider völlig unterging, da meine Frau in einem Zelt bei den Polen weilte. Kaum zu glauben, dass wir wirklich schon so lange zusammen sind. Waren wir nicht gestern erst bei unserem ersten Date? Ich glaube wir werden so langsam alt.

Vielleicht

Mein Opa leidet an Demenz. Eine ganze Weile schon. Es dauerte nur bis klar war, dass das nicht nur Altersvergesslichkeit ist.

Wirklich viel weiß ich nicht von ihm. Obwohl ich fast mein ganzes Leben lang – die ersten 24 davon auf jeden Fall – mit ihm in einem Haus gewohnt habe. Das einzige Mal als er öfter etwas persönliches von sich und von früher erzählt hat war, als meine Oma vor ein paar Jahren gestorben ist. Ansonsten waren immer eigentlich nur die Nachrichten oder was gerade im Ort und in der Umgebung passiert ist oder wer in der Familie was gemacht hat Thema. Über ihn habe ich nie wirklich viel erfahren. Und jetzt ist es dazu wohl zu spät. Denn je mehr er vergisst, desto stiller wird er und desto weniger sagt er. Von dem mal abgesehen, dass es mittlerweile wohl recht schwierig ist festzustellen, was wahr ist und was davon nur in seiner Welt wirklich passiert ist.

Ich weiß, dass er als Kind mit seinem Bruder um Essen betteln musste. Arbeit in den Reben im Austausch gegen ein Stück Brot. Und dass er das nie wieder machen wollte. Er hatte eine kleine Schwester, die immer mit ihm rechnen wollte und sehr von Zahlen begeistert war. Dass er sehr traurig war als sie starb. Noch als Kind. Woran weiß ich nicht. Als er meine Oma heiraten wollte, war sie noch nicht volljährig und er musste zu ihrer leiblichen Mutter nach Straßburg und eine Unterschrift einholen. Die Mutter meiner Oma war wohl eine sehr große, beleibte und furchteinflößende Frau. Geld war ihm immer sehr wichtig. Er hat immer viel gearbeitet, sein Geld angelegt und immer akribisch die Aktienkurse studiert. Sein Traum war Amerika. Weil man da so viel mehr Geld bekam als bei uns. Wenn man die verdienten Dollar in DM umrechnete, war das immer sehr viel Geld. Und sein Traumauto war ein Mercedes, den er sich lange nicht leisten konnte. Und als es dann soweit war, hat er gezögert, ob er denn nun wirklich so viel Geld für ein Auto ausgeben soll.

Heute steht der große Mercedes in der Garage. Fahren lassen kann man ihn nicht mehr, weil er nicht mehr weiß wie das geht und wo er überhaupt hinfahren soll.

Demenz ist teilweise erblich bedingt. Was für mich heißt, dass ich vorbelastet bin. Wenn auch nur von einer Seite. Und um ehrlich zu sein, bin ich mir heute schon ziemlich sicher, dass ich mich damit in der Zukunft rumschlagen muss.

Vielleicht werde ich deshalb hier eher meine Kindsheiterinnerungen niederschreiben. So lange ich mich noch daran erinnern kann. Das wird vermutlich noch eine ganze Weile sein, aber schaden kann es nicht. Und vielleicht werde ich mir im hohen Alter einmal dafür dankbar sein. Oder meine Angehörigen.

Mein Freund der Krieg

Neulich habe ich mein erstes Zweiter Weltkrieg Buch gelesen seit ich dem Teenageralter entwachsen bin. Markus Zusaks Bücherdiebin. (Bücher 2009) Damals habe ich viele solcher Bücher gelesen. Als Jugendbücher gibt es davon auch wirklich viele und viele gute noch dazu.

Für mich war der Zweite Weltkrieg immer sehr präsent. Durch die Bücher, die ich las und die gefühlten 2000 Unterrichtsstunden, die wir jedes Jahr mit diesem Thema füllten. Ich habe immer versucht zu verstehen wie so ein Regime funktionieren kann, wieso es keinen spürbaren Widerstand gab, wie so ein Krieg ist, wenn man ihn selbst erlebt. Viele der Erinnerungen, die ich an den Krieg habe sind verklärt. Sie sind schwarzweiß – damals gab es noch keine Farbe und sie sind nicht meine Erinnerungen. Es sind die Erinnerungen meiner Großeltern. Zumindest von einer Seite her. Die andere Seite Großeltern war zu jung, um in den Krieg ziehen zu müssen. Oder aber nicht so mitteilungsfreudig, was die Zeiten damals betrifft.

Deshalb ist der Krieg – der heißt einfach nur “der Krieg”, nicht etwa der Zweite Weltkrieg, schließlich war ich nur bei einem dabei – für mich auch auf einen Ort beschränkt. Der Ort in dem meine Großeltern wohnen. Und dort ist auch heute noch Krieg. Vor allem wenn man zum Rhein rausfährt. Durch die Maisfelder, an den Kirschbäumen vorbei. Da ist überall Krieg. Immer. Besonders wenn die Sonne scheint und die Äpfel an den Bäumen reif sind. Denn damals im Krieg haben wir die von den Bäumen geklaut. Man hatte ja sonst nicht viel zu essen. Und die Äpfel waren dann vielleicht gut. Das beste, was man jemals gegessen hatte.

Und später dann sind wir zu Fuß in die nächste Ortschaft gelaufen, um ins Kino zu gehen. Damals noch im großen Saal des Wirtshauses. Das war immer ein Erlebnis. Oder als wir kilometerweit zur nächsten Stofffabrik gelaufen sind.

All das sind meine Erinnerungen an den Krieg. Für mich verkörpern meine Großeltern der Krieg. Meistens sehr verklärt und voller Nostalgie. Irgendwie nur die schöne Seite von Damals.

Die häßliche Seite finde ich nur in Büchern. Da aber umso farbiger und abschreckender.

Ich nehme es ihnen nicht übel, dass sie nur die schönen, aufregenden Dinge des Krieges in Erinnerung behalten und weitergeben. Der menschliche Verstand funktioniert auf diese Weise. Nur das Schöne überlebt die Zeit, das Häßliche wird vergessen. Wie sonst soll man ein langes Leben leben, ohne verrückt zu werden? Und die Kindheit ist nochmal etwas verklärter als der Rest des Lebens.

Was mir allerdings immer schwerfiel ist der Gedanke, dass mein Opa getötet hat. Das lässt sich als Soldat im Krieg nicht vermeiden. Aber der Gedanke alleine ist gruselig. Ich kann es verstehen. Wenn es darum ginge, du oder ich, dann bin ich auch stark dafür, dass ich überlebe. Ein Schlachtfeld ist kein Ponyhof. Menschen sterben. Menschen werden getötet. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu verarbeiten.

Es wird mich trotzdem weiter beschäftigen. Das Thema Zweiter Weltkrieg. Ich versuche immer noch zu verstehen. Gelingen wird mir das vermutlich nie, schließlich war ich nicht dabei.

(Die Bücherdiebin kann ich übrigens nur empfehlen. Tempos nicht vergessen. Und nur auf Englisch lesen, wenn das denn gut ist. Für Anfänger nur auf Deutsch geeignet.)