AdrenalinJunkie

Einmal im Jahr ist bei uns in der Gegend Weinfest. Ähm nein, das muss ich anders formulieren. Weinfeste gibt es hier wie Sand am Meer, das bringt eine Weinbauregion so mit sich. Was ich eigentlich meine ist etwas anderes:
Es gibt ein Weinfest, das größte in der Gegend, welches für mich/uns jedes Jahr ein Must-Go ist. Der Hauptgrund ist mittlerweile der, das da noch ein Rummel dabei ist, wo sich Mr. Squishy vergnügen kann. Der obligatorische Luftballon für sage und schreibe 7 Euro muss natürlich auch jedes Jahr gekauft werden.Und natürlich, das allerwichtigste: Die Fahrgeschäfte. Für jedes Alter etwas. Vorletztes und letztes Jahr war Karusselfahren ganz groß. Runde um Runde um Runde. Im Kreis rum fahren wird scheinbar nie langweilig.

Dieses Jahr: Eine ganz andere Geschichte. Trotz animierenden Kommentaren von Mama, Mommy, Oma und Opa keinerlei Interesse am Karussel. Das Kettenkarussel war da schon etwas interessanter, aber noch nicht interessant genug, um auch damit fahren zu wollen.

Direkt neben dem Kettenkarussel war es dann, das Fahrgeschäft seiner Träume. Und was war er enttäuscht, dass nicht mitfahren durfte.

Da stellt sich natürlich die Frage: Wieso bloß nicht?!? Er wollte tatsächlich unbedingt auf dieses Teil und sowohl ich als auch Mommy mussten ihm erklären, dass er dazu einfach noch zu klein ist. Die Sicherheitsvorkehrungen sind bei sowas nicht auf kleine 4-jährige Adrenalinjunkies ausgelegt.

Zum Glück gab es noch ein einziges anderes Fahrgeschäft, was es ihm angetan hatte. Zwar nur zweite Wahl, aber dann doch ganz super.

Die Boxautos. Hatte ich eigentlich schon mal erwähnt, dass dieses Kind so dermaßen ein Junge ist, dass es mir manchmal schon fast unheimlich ist. Das widerlegt dann wohl wirklich alle Vorurteile von wegen mit zwei Müttern kann ein Junge ja nur zum Mädchen werden. Wir hätten hier den absoluten Gegenbeweis.

Und so durfte dann der Opa mit dem Enkel Boxautos fahren. Runde um Runde um Runde. Und gestrahlt hat er, der große kleine Squishy-Mann. Es konnte ihm garnicht wild genug sein.

Und nächstes Jahr, nächstes Jahr dann doch das Überschlagsteil. Wenn er bis dahin die Größe eines Teenies aufweisen kann und nicht mehr unter dem Sicherheitsbügel durchrutscht.

Mister Squishy ist 4 Jahre, 9 Monate und 3 Wochen alt.

Die Vater-Frage

Ich habe mich immer gefragt, wann es soweit sein würde.

Der absolut unspektakuläre Ort: Vorgestern, Ikea Tiefgarage. Cerah gab gerade Miss G eine Flasche und ich stand an der offenen Autotür neben Mr. Squishy der bereits in seinem Autositz saß und darauf wartete, dass es nachhause ging.

Squishy: Mama, do you know who your parents are?

Ich: Yes, I do. Do you know who my parents are?

Squishy: Yes, Oma and Opa.

Ich: That’s right. And who are your parents?

Squishy: I don’t know.

Ich: Mama and Mommy are your parents.

Squishy: Yes, that’s right. But our father doesn’t live with us.

Ich: No, he doesn’t.

Squishy: Where does our father live?

Ich: He lives in the Netherlands.

Squishy: Yes. And he’s all alone.

Ich: No, he’s not all alone. He has friends there, too.

Squishy: Yes. But he lives there all alone.

Ich: Oh, with alone, do you mean he lives there without us?

Squishy: Yes.

Ich: Okay, then he does live there alone.

Und dann kam irgendwas anderes.

Das ist das erste Mal, dass ich ihn von sich aus etwas über seinen Vater habe sagen hören. Er weiß, dass er einen Vater hat, denn in seinem und im Babybuch seiner kleinen Schwester ist jeweils ein Bild unseres Samenspenders. Da fragt er dann schon wer das ist. Und bekommt darauf selbstverständlich eine Antwort, denn natürlich hat er einen Vater. Wenn auch etwas anders als andere Kinder. Und er weiß auch, dass er uns geholfen hat, ihn und seine Schwester zu bekommen. Die näheren Einzelheiten heben wir uns auf, bis es ihn interessiert und er auch alt genug ist, es zu verstehen. Bisher war er mit den Antworten zufrieden, die er von uns bekommen hat und das möchten wir auch gerne so beibehalten.

Mister Squishy ist 4 Jahre, 9 Monate, 2 Wochen und 4 Tage alt.

Meine Oma

Meine Oma wurde vor einigen Monaten 80.

Dazu gab’s eine große Feier.

Spätestens seit diesem Geburtstag ist sie der festen Überzeugung, sie könnte nun jeden Tag sterben. Das ist theoretisch auch so. Praktisch ist sie aber für ihr Alter sehr gesund und auch noch sehr fit. Etwas eigen, aber das war sie schon immer. Was man übrigens von so ziemlich jedem in meiner Familie sagen kann, mich eingeschlossen. Naja, irgendwo werden wir’s ja herhaben.

Trotzdem muss ich immer mal wieder den Kopf schütteln und still vor mich hingrinsen, wenn ich ihr so zuhöre.

Zu ihrem Geburtstag bekam sie von ihren Kindern ein Geschenk. Ein Seniorenhandy und einen Gutschein für den hiesigen Juwelier. Sie fand’s gut, musste aber natürlich gleich dazu sagen: Ein Schmuckgutschein. Schön. Damit ihr dann was zum Erben habt.

Bei der letzten Familienfeier am Wochenende zog sie Cerah mit sich ins Wohnzimmer und zeigte ihr ein neues Passbild von sich selbst, was sie erst neulich bei der Fotografin hatte machen lassen. Man muss dazu sagen, dass meine Oma sehr unfotogen ist und auf Bildern nie aussieht wie im echten Leben. Auf jeden Fall erzählte sie Cerah, dass sie ein neues Bild von sich habe machen lasse, damit sie auch etwas aktuelles hat. Man will ja schließlich gut aussehen in seiner eigenen Todesanzeige.

Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass sie dazu Grund hat. Ich möchte auch nicht, dass sie dazu Grund hat. Ihre Mutter wurde immerhin stolze 93 Jahre alt und es würde mich nicht wundern, wenn sie dem nacheifern würde.

Aber vielleicht braucht man das ja auch ab einem gewissen Alter. Das Wissen, dass es eigentlich jeden Tag soweit sein könnte, nötigt einem vermutlich einen gewissen Grad an Vorbereitetsein ab.