Mein Opa leidet an Demenz. Eine ganze Weile schon. Es dauerte nur bis klar war, dass das nicht nur Altersvergesslichkeit ist.
Wirklich viel weiß ich nicht von ihm. Obwohl ich fast mein ganzes Leben lang – die ersten 24 davon auf jeden Fall – mit ihm in einem Haus gewohnt habe. Das einzige Mal als er öfter etwas persönliches von sich und von früher erzählt hat war, als meine Oma vor ein paar Jahren gestorben ist. Ansonsten waren immer eigentlich nur die Nachrichten oder was gerade im Ort und in der Umgebung passiert ist oder wer in der Familie was gemacht hat Thema. Über ihn habe ich nie wirklich viel erfahren. Und jetzt ist es dazu wohl zu spät. Denn je mehr er vergisst, desto stiller wird er und desto weniger sagt er. Von dem mal abgesehen, dass es mittlerweile wohl recht schwierig ist festzustellen, was wahr ist und was davon nur in seiner Welt wirklich passiert ist.
Ich weiß, dass er als Kind mit seinem Bruder um Essen betteln musste. Arbeit in den Reben im Austausch gegen ein Stück Brot. Und dass er das nie wieder machen wollte. Er hatte eine kleine Schwester, die immer mit ihm rechnen wollte und sehr von Zahlen begeistert war. Dass er sehr traurig war als sie starb. Noch als Kind. Woran weiß ich nicht. Als er meine Oma heiraten wollte, war sie noch nicht volljährig und er musste zu ihrer leiblichen Mutter nach Straßburg und eine Unterschrift einholen. Die Mutter meiner Oma war wohl eine sehr große, beleibte und furchteinflößende Frau. Geld war ihm immer sehr wichtig. Er hat immer viel gearbeitet, sein Geld angelegt und immer akribisch die Aktienkurse studiert. Sein Traum war Amerika. Weil man da so viel mehr Geld bekam als bei uns. Wenn man die verdienten Dollar in DM umrechnete, war das immer sehr viel Geld. Und sein Traumauto war ein Mercedes, den er sich lange nicht leisten konnte. Und als es dann soweit war, hat er gezögert, ob er denn nun wirklich so viel Geld für ein Auto ausgeben soll.
Heute steht der große Mercedes in der Garage. Fahren lassen kann man ihn nicht mehr, weil er nicht mehr weiß wie das geht und wo er überhaupt hinfahren soll.
Demenz ist teilweise erblich bedingt. Was für mich heißt, dass ich vorbelastet bin. Wenn auch nur von einer Seite. Und um ehrlich zu sein, bin ich mir heute schon ziemlich sicher, dass ich mich damit in der Zukunft rumschlagen muss.
Vielleicht werde ich deshalb hier eher meine Kindsheiterinnerungen niederschreiben. So lange ich mich noch daran erinnern kann. Das wird vermutlich noch eine ganze Weile sein, aber schaden kann es nicht. Und vielleicht werde ich mir im hohen Alter einmal dafür dankbar sein. Oder meine Angehörigen.
Nicht du musst Dich damit rumschlagen sondern Deine Angehörigen.
Das ist wohl wahr. Oder das dafür eingestellte medizinische Fachpersonal.
Allerdings stelle ich es mir beängstigend vor, wenn einem alles nach und nach entgleitet. Auch wenn ich nicht weiß, in wie weit man das selbst noch mitbekommt. Aber sich nicht mehr an seine Kinder erinnern zu können, finde ich ziemlich furchtbar.