Liebes Deutschland,

da hast du nun also heute Geburtstag oder das, was wir als deinen Geburtstag bestimmt haben. 20 Jahre wiedervereinigtes Deutschland. Und mir fallen da gleich zwei Sachen dazu ein.

Wie jedes Jahr ärgere ich mich darüber, dass unser Nationalfeiertag im Oktober ist. Oktober. Was für ein dämlicher Monat für einen Nationalfeiertag. Ich weiß, dass wir den sowieso nicht feiern, auf jeden Fall nicht so, wie ihn andere Länder feiern, die mit keiner ewigwährenden Kriegschuld – wer verliert bitte schon zwei Weltkriege? – belastet sind. Aber Oktober? Viel zu kalt, um was vernünftiges zu machen. Unser eigentlicher Nationalfeiertag findet immer dann statt, wenn Fußballwelt- oder -europameisterschaft ist. Immerhin ist das schon mal ein Fortschritt. Vor ein paar Jahren wäre auch diese Euphorie noch undenkbar gewesen. Nazialarm und sowas alles. Kann ich ja verstehen. Wir sind eben ein traumatisiertes Volk. Schön, dass wir wenigstens zu Fußballereignissen darüber weggekommen sind. Die Euphorie dafür mag zwar etwas übertrieben sein, aber ansonsten können wir sie ja nirgends rauslassen. Versucht doch einfach mal, heute mit eurem Auto, den Deutschlandfähnchen im Fenster und eurem Gesicht in schwarz-rot-gold durch die Straßen zu fahren. Ich bin ernsthaft dabei zu überlegen wie man eine Nationalfeiertags-Parade mit Feuerwerk und Fest realisieren könnte. Ich finde es ist an der Zeit auch außerhalb der Fußballweltmeisterschaft mal etwas Nationalstolz zu zeigen. Sicher ist hier nicht alles perfekt. Soooo furchtbar kann es aber auch nicht sein, sonst wären wir alle längst ausgewandert. Und ich wohne zum Besipiel sehr gerne da wo ich bin. Und das liegt nun mal in Deutschland.

Was mich zum Punkt zwei bringt. Deutschland – EIN Land. Vor mittlerweile 20 (in Worten zwanzig) Jahren fiel die Mauer und die DDR verschwand von den Landkarten. Vor zwanzig Jahren war ich neun und um ganz ehrlich zu sein hat die DDR für mich nie existiert. Ich war nie da, ich kannte niemanden von da. Das war wie jedes andere Land auf der Landkarte. Dann kam der Mauerfall, das habe ich mitbekommen und fand die Emotionen sehr überwältigend. Das ist jetzt zwanzig Jahre her. Angeblich sind wir EIN Land. Angeblich. Wieso sind dann alle Statistiken in Ost und West unterteilt? Arbeitslosigkeit, Verdienst, Anzahl an Krippenplätzen, Wahlbeteiligung, dieses und jenes. Das ist doch völliger Unfug und nur dazu gemacht um eine Trennung in den Köpfen zu verankern. Für immer und ewig. Für mich ist das Leben in einem geteilten Deutschland nichts, an was ich mich aus eigener Erfahrung erinnern könnte und trotzdem denke ich z.B. in Lohnerhöhung Ost und Lohnerhöhung West. So viel zum Thema Vereinigtes Deutschland. Aber da wir ja nun langsam aber sicher über das Trauma Zweiter Weltkrieg wegkommen, was einfach daran liegt, dass die Generation, die sich daran noch erinnern kann, wegstirbt. Und da brauchen wir natürlich was neues, wäre ja auch blöd, wenn wir nichts hätten, worüber wir uns beschweren könnten. Ach ja, da war ja noch was: die DDR. Lasst sie doch in Frieden ruhen. Wenn die DDR so toll gewesen wäre, dann gäbe es sie heute noch. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit und ich finde, es ist an der Zeit Deutschland als EIN Land zu betrachten und nicht diese unglaublich nervtötende Ost-West-Mentalität zu pflegen. Ich kannte da mal jemanden. Die Gute ist ein paar Jahre jünger als ich und aus dem Osten. Von ihr kamen dann so Sprüche wie: Von mir aus können sie die Mauer wieder hochziehen, wir haben ja jetzt drüben alles. Klar, war das nur als Scherz gemeint, aber das verdeutlicht nur meinen Standpunkt. Ich war neun als die Mauer fiel, sie ein paar Jahre jünger, was heißt, dass sie noch nicht mal in der Schule war. Und obwohl sie aus dem Osten ist, hat sie die DDR genauso wenig live und in Farbe erlebt wie ich. Trotzdem hat sie eben genau dieses Ossi-Wessi-Klischee im Kopf. Und das wird von den Medien und denjenigen, die diese Statistiken in Auftrag geben auch weiterhin schön gepflegt.

Deshalb mein Wunsch für Deutschland an seinem Geburtstag: Lasst die Vergangenheit ruhen und Deutschland endlich EIN Land werden. Ändern können wir die Vergangenheit nicht, wohl aber daraus lernen. Alles Gute Deutschland! Du packst das schon!