Für etwas anderes war das Nachtcafé auch gut. Oder schlecht. Je nachdem wie man das sieht.
Mir fällt normalerweise nur sehr selten auf, dass ich irgendwie anders bin. Jeder, mit dem ich es im täglichen Leben zu tun habe, weiß, dass ich mit einer Frau verheiratet bin und dass wir einen kleinen Sohn haben. Da ich nicht mit so wahnsinnig vielen Leuten zu tun habe, gibt es eigentlich auch niemanden, der das nicht weiß. Für alle bin ich trotzdem die, die ich halt bin und nicht die Lesbe mit dem Kind vom Samenspender. Bis jetzt war ich das eigentlich noch nie.
Wenn man dann allerdings als eben das in eine Talkshow geht, wird man dazu. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich nur über mein Lesbischsein definiert. Das ist ein sehr komisches Gefühl, da ich mich darüber so überhaupt nicht definiere. Das ist nur ein ganz kleiner Teil von mir und der wird normalerweise völlig vernachlässigt. Dann auf einmal einen ganzen Abend lang eben nur das zu sein ist irritierend. Und für mich eine neue Erfahrung. Merkwürdiges Gefühl. Nicht schlecht, nicht gut. Eben anders.
Und irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen. Sollte ich mich nicht auch im täglichen Leben mehr über mein Lesbischsein definieren. Verdränge ich das? Ich weiß es nicht.
Bisher hatte ich nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlen würde, nur weil ich nicht mit Regenbogenfahne durch die Gegend renne und meine Regenbogenkleider und meinen Regenbogenschmuck präsentiere. Und eigentlich finde ich das auch doof und unnötig, denn so bin ich einfach nicht. Mir ist noch nie eine Heterofrau begegnet, die ein T-Shirt anhat auf dem sie stolz ihre Lieblingsstellung beim Sex herzeigt. Wenn sie nun allerdings bei einer Talkshow den Standpunkt vertreten würde, nur die Missionarsstellung ist das einzig wahre und alles andere zählt nicht, dann würde sie sich vermutlich fühlen wie ich. Okay, schlechter Vergleich. Aber die Dame würde sich vermutlich im richtigen Leben auch nicht als Missionarsstellungsvertreterin fühlen und das allen auf die Nase binden.
Aber vielleicht war das für mich zur Abwechslung mal eine hilfreiche Erfahrung, die mich daran erinnert, dass wir eben nicht normal sind. Auch wenn wir das gerne glauben möchten.