Anders

Für etwas anderes war das Nachtcafé auch gut. Oder schlecht. Je nachdem wie man das sieht.

Mir fällt normalerweise nur sehr selten auf, dass ich irgendwie anders bin. Jeder, mit dem ich es im täglichen Leben zu tun habe, weiß, dass ich mit einer Frau verheiratet bin und dass wir einen kleinen Sohn haben. Da ich nicht mit so wahnsinnig vielen Leuten zu tun habe, gibt es eigentlich auch niemanden, der das nicht weiß. Für alle bin ich trotzdem die, die ich halt bin und nicht die Lesbe mit dem Kind vom Samenspender. Bis jetzt war ich das eigentlich noch nie.

Wenn man dann allerdings als eben das in eine Talkshow geht, wird man dazu. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich nur über mein Lesbischsein definiert. Das ist ein sehr komisches Gefühl, da ich mich darüber so überhaupt nicht definiere. Das ist nur ein ganz kleiner Teil von mir und der wird normalerweise völlig vernachlässigt. Dann auf einmal einen ganzen Abend lang eben nur das zu sein ist irritierend. Und für mich eine neue Erfahrung. Merkwürdiges Gefühl. Nicht schlecht, nicht gut. Eben anders.

Und irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen. Sollte ich mich nicht auch im täglichen Leben mehr über mein Lesbischsein definieren. Verdränge ich das? Ich weiß es nicht.

Bisher hatte ich nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlen würde, nur weil ich nicht mit Regenbogenfahne durch die Gegend renne und meine Regenbogenkleider und meinen Regenbogenschmuck präsentiere. Und eigentlich finde ich das auch doof und unnötig, denn so bin ich einfach nicht. Mir ist noch nie eine Heterofrau begegnet, die ein T-Shirt anhat auf dem sie stolz ihre Lieblingsstellung beim Sex herzeigt. Wenn sie nun allerdings bei einer Talkshow den Standpunkt vertreten würde, nur die Missionarsstellung ist das einzig wahre und alles andere zählt nicht, dann würde sie sich vermutlich fühlen wie ich. Okay, schlechter Vergleich. Aber die Dame würde sich vermutlich im richtigen Leben auch nicht als Missionarsstellungsvertreterin fühlen und das allen auf die Nase binden.
Aber vielleicht war das für mich zur Abwechslung mal eine hilfreiche Erfahrung, die mich daran erinnert, dass wir eben nicht normal sind. Auch wenn wir das gerne glauben möchten.

5 thoughts on “Anders

  1. Im Großen und Ganzen stimme ich dir zu. Trotzdem finde ich es schön (und wichtig) zumindest einmal im Jahr z.B. beim CSD “Flagge zu zeigen” und für unsere Rechte einzustehen ! Daher freue ich mich auch auf das kommende Wochenende !!

  2. Ich würde mich auch niemals über das lesbisch sein definieren, warum auch? Jeder der mit mir näheren Kontakt hat, weiß dass ich mit einer Frau zusammen lebe und Menschen die wir neu kennen lernen, erfahren es eben oder bekommen es mit. Aber ich bin ja Kiki und nicht “nur” lesbisch… Sehe das ganz genauso und würde mich da wahrscheinlich auch sehr komisch bei fühlen.

  3. Hm. Also ich definiere eigentlich niemanden über seine sexuelle oder sonstige Lebensweise. Mir ist sowas ziemlich egal, d.h. unbedeutend. Meine Mutter lebt nun (nach 35 Jahren Ehe) mit einer Frau zusammen. Ja, das ist halt so. Ich liebe meine Mutter, auch wenn sie nun “anders” lebt als ich es tue. Vermutlich bin ich da wiederum anders als andere, weil es mir eben nicht wichtig ist…
    Wenn der Mensch nett und sympatisch ist, ist alles prima.

  4. Ich sehe es eher so, dass Du da zeigst, DASS Du “normal” bist ! Dass Ihr 3 eine ganz stinknormale Familie seid. Mit allem was dazu gehört. Glücklicher Alltag, Reibereien und einer Prise Spiessigkeit.

  5. Ach Belle, was ist denn “normal”? Die hetero Familie die nach gutem alten dahergebrachtem zusammenlebt, heiratet, kinder bekommt, haus kauft…bis das der Tod sie scheidet? Oder isses nicht auch normal, sich zu trennen wenns nicht klappt um dann erneut eine Partnerin/einen Partner zu suchen und finden, um dann nochmal Kinder zu bekommen? Oder auch eine Patchworkfamilie zu gründen? Was ist unnormal an zwei Männern/zwei Frauen die sich lieben, zusammenleben, Kinder bekommen, Haus bauen… ;-) !? Wo fängt normal an und wo hört anders auf? Wie definiert man normal? ISt normal das, was die Allgemeinheit gewöhnt ist? Für mich ist es normal dass ich mich täglich zweimal eincreme, von oben bis unten, ich habe eine chronische Hautkrankheit. Ist das für Dich normal?? Nein, aber es ist für mich seit Jahren Gewohnheit und somit (für mich) völlig normal.
    Normal hin oder her, es ist einfach wie es ist. Und alles, was für uns Menschen nicht zu unserem Alltag gehört, woran wir uns bisher nicht gewöhnt haben ist nicht normal. Das kann für jeden etwas anderes sein. Oder? :-)

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