Zwei Jahre Squishy – Ein Geburtsbericht

Lange habe ich mich darum gedrückt, jetzt kommt er endlich, bevor ich alles vergesse: der Geburtsbericht. Es handelt sich dabei nicht wirklich um einen Bericht, da meine Erinnerungen ziemlich nebelig und lückenhaft sind. Ich versuche es aber trotzdem, bevor ich wirklich alles vergessen habe.

Am 17.11.06 irgendwann um kurz vor 11:00 Uhr war ich hochschwanger und hatte auf einmal eine nasse Hose. Nach einem Toilettengang war klar, dass das ein Blasensprung war und wir uns ins Krankenhaus begeben sollten. Wehen hatte ich da noch überhaupt keine, aber da es ja immer heißt, Blasensprung ohne Wehen könnte gefährlich werden, haben wir uns in Ermangelung eines eigenen Autos ein  Taxi bestellt und auf den Weg zu den Göttern in weiß gemacht. Vorher wurde noch schnell meine Mama angerufen, um Bescheid zu geben, dass es jetzt losging und dann ging’s zur Tür raus.

Die Hebamme, die die Aufnahme im Krankenhaus gemacht war, war super unfreundlich und eine riesen Zicke. Die Gute wollte mir allen ernstens erzählen, dass ich keinen Blasensprung gehabt hatte, sondern dass ich auf Grund der fortgeschrittenen Schwangerschaft nur inkontinent wäre. Die dumme Nuss. Erstgebärende sind ja gerne mal etwas unzurechnungsfähig und hysterisch. Was war meine Befriedigung groß, als der guten Frau bei der Untersuchung des Muttermunds ein riesen Schwall Fruchtwasser entgegenkam und ich die ganze Liege unter Wasser gesetzt habe, was sie dann aufputzen durfte. Da hat sie mir dann auch geglaubt, dass das wirklich Fruchtwasser war. Wie gesagt, dumme Nuss.

Ich wurde als eingewiesen und sollte warten bis die Wehen anfangen. Ziemlich lange tat sich ziemlich wenig. Auf dem Klinikgelände war ein Pizzeria, ich hatte Lasagne zum Mittagessen und da fing mein Bauch doch schon ziemlich an zu schmerzen. Dachte ich. Später sollte es schlimmer werden, aber das wusste ich da noch nicht.

Danach ging es wieder zurück aufs Zimmer. Irgendwann wurden die Wehen stärker und ich lief im Zimmer rum wie ein gefangener Tiger. Dann irgendwann noch später, musste ich mit Cerah auf dem Klinikgelände spazierengehen, weil das nämlich auch die Wehentätigkeit anregt. Da war es schon dunkel. Mann, das war vielleicht scheiße. Ich konnte kaum mehr gehen und hatte absolut null Bock drauf.

Der dämlich Muttermund wollte sich einfach nicht öffnen, deshalb machte ich Zwischenstation in der Badewanne. Das Wasser war übelst heiß und ich war da schon fertig mit der Welt. Die Wehen wurden immer stärker, aber der Muttermund wollte sich einfach nicht öffnen.

Danach ging es in den Kreißsaal, wo ich irgendwie atmen sollte oder veratmen oder weiß der Geier was. Mir tat alles weh und ich fand, dass das alles schon viel zu lange dauerte. Auf die erste Frage, ob ich eine PDA wolle, antwortete ich mit nein. Dann kam eine Wehe und ich wollte unbedingt dringend eine haben. Die bekam ich auch. Da ich aber durch die Schwangerschaft so ein grauseliges Hohlkreuz hatte, konnte die Anästhesistin nicht die richtige Stelle finden und fortan war eine Seite taub und wie gelähmt und auf der anderen konnte ich nach wie vor viel zu viel spüren.

Dann passierte ewig lange überhaupt nichts. Wehe um Wehe kam und nichts tat sich. Irgendwann bin ich mal eingeschlafen, dann wieder aufgewacht. Ach ja und gekotzt habe ich. Wieder und wieder. Cerah und die Hebamme waren permament damit beschäftigt, mich gestrandeten Wal wieder umzuziehen. Ich hatte absolut keine Lust mehr und die ganze Zeit lief im Hintergrund Eva Cassidy.

Als dann der Morgen dämmerte wurden es immer mehr Ärzte, die um mich rumstanden und an mir rumfuchtelten. Irgendwann meinte dann mal einer, muss wohl der Oberarzt gewesen sein, dass das jetzt keinen Sinn mehr hätte und wir das beenden müssten. Ich hörte nur beenden und war dafür. Egal was, egal wie aber beenden ist gut.

Cerah war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Wrack und brach in Tränen aus. Eigentlich war das so geplant, dass ich vier Stunden nach der natürlich Geburt wieder mit Kind und Cerah in ein Taxi nachhause steigen würde. Mit Kaiserschnitt würde das nicht gehen und ich müsste fünf Tage im Krankenhaus bleiben. Aus die Maus. Traum zerplatzt.

Ich wurde mitsamt Bett in Richtung OP gefahren. Und wer auch immer mich dahin geschoben hat, war ein miserabler Krankenbettfahrer. Gegen jede einzelne Wand und jeden einzelnen Türpfosten wurde dieses dämliche Bett gerammt. Das war extrem unangenehm. Auch wenn man total auf Drogen ist und mitten in einer Geburt steckt. Ich konnte mich wirklich null bewegen und wurde vom Bett oder der Liege, oder was das auch immer war, ziemlich unsanft auf den OP-Tisch gehievt.

Der Anästhesist war ein totaler Scherzkeks und hat die ganze Zeit Witzchen gerissen. Darüber, dass ich jetzt mal einen Schnaps aus diesem Pappbecher trinken müsse. Das helfe mir dabei, falls man mich doch noch unerwarteterweise in Vollnarkose versetzten müsse. Dann unterhielt er sich mit der anwesenden Krankenschwester darüber, das es überaus merkwürdig sei, dass ich nur eine Socke anhätte. Darauf habe ich sogar geantwortet, was ihn total erstaunt hat, da er wohl dächte ich sei irgendwo im Kifferhimmel. Das mit der einen Socke kam übrigens daher, dass ich die andere vollgekotzt hatte und sie mir deshalb ausgezogen wurde. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass er irgendwas sagte, als er anfing meine Unternrum-Haare für die Operation zu rasieren. Irgendwas in die Richtung, blutet wie ein Schwein. Tja, ich hab halt empfindliche Haut, da muss man schon etwas vorsichtiger sein.

Ich war heilfroh, als Cerah, dann endlich bei mir im OP war und ich wenigstens einen normalen Menschen um mich hatte. Das war sehr tröstlich.

Und dann kam das, was ich wohl nie vergessen werde. Die Ärztin setzte das Skalpell an, schnitt und ich schrie. Schrill und laut, ich dachte, die wollte mich umbringen. Damit habe ich sie wohl erschreckt, denn sie hörte auf und fragte, ob das wehtäte. Es sei normal, dass ich etwas merken würde, schließlich war ich nicht in Vollnarkose, aber es dürfte eigentlich nicht wehtun. Ich sagte irgendwas wie, ja, das tut weh. Sie tat einen weiteren Schnitt, ich schrie noch lauter und dann war ich weg. Vollnarkose. Die PDA, die mich eigentlich hätte betäuben sollen, saß – wir erinnern uns – nicht richtig, ich hatte auf der einen Seite fast das volle, normale Körpergefühlt und wurde gerade mit einem Messer aufgeschnitten. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Schmerzen.

Das nächste, woran ich mich erinnere, ist das Rumdrücken auf meinem Bauch, der nun endlich taub war und das mir wenig später ein kleines, blutiges Baby vors Gesicht gehalten wurde, das sofort anfing an meiner Nase zu saugen. Ich weiß auch noch, dass meine ersten Worte waren: Hi, little man. Cerah durfte dann mit, als Squishy vermessen und durchgecheckt wurde und ich wurde in eine Abstellkammer im Krankenhaus gefahren, nicht ohne dabei einen einzigen Türrahmen auszulassen, gegen den man das Bett donnern konnte.

Erst gegen Abend kam ich dann in ein vernünftiges Krankenzimmer. Vorher war nirgendwo Platz und wir drei waren in irgendeinen ungenutzten Zimmer allein. Wir waren alle drei ziemlich fertig und froh, das alles endlich hinter uns zu haben.

Die Tage, die ich mit Squishy und ohne Cerah im Krankenhaus bleiben musste, waren scheiße. Ein anderes Wort dafür gibt es nicht. Es war viel zu hell, viel zu laut, das Essen war eklig, die erste Zimmernachbarin nervtötend, das Rumgerschreie aus dem Kreißsaal war definitiv nicht das, was ich hören wollte und die Hebammen wollten mir erzählen, ich dürfte Squishy nicht mir nachhause nehmen, weil er nicht genug zugenommen hatte. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn man mir erzählen will, dass ich nicht Recht habe, obwohl ich weiß, dass ich im Recht bin und wenn man mir erzählen will, was ich mit meinem Kind machen kann und was nicht. Morgens um sechs ging das Licht an, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und als ich endlich nachhause durfte, hatte ich drei dicke, fette Herpesherde im Gesicht.

Noch ein halbes Jahr später bin ich zusammengezuckt, wenn irgendjemand oder irgendwas meinen Bauch auch nur gestreift hat. Das Trauma hielt ziemlich lange an, ging aber irgendwann auch weg.

Und obwohl sich das alles ziemlich furchtbar anhört und zeitweise wirklich nicht spaßig war, würde ich es jede Minute jedes Tages wieder machen, wenn ich dafür mit so einem tollen Kind belohnt werden würde.

Nie hätte ich gedacht, dass man jemanden so lieben kann. Nie hätte ich gedacht, dass man so geliebt werden kann.

Alles Gute zum Geburtstag, little man!