Liebe Vanessa,

eigentlich müsste ich anfangen mit: Oh Gott bin ich alt! Ich spar’s mir aber und sage lieber: Alles Gute zum Geburtstag!

Jetzt bist du also zwölf. Da fällt mir spontan ein Buch bzw. eine Bücherserie ein. Es gibt da ein Buch das heißt “Mit zwölf fühlt man ganz anders” und glaub mir, es ist was dran. Irgendwie ist das Leben auf einmal scheiße und doch gleichzeitg wunderschön. Man fängt an, über alles nachzudenken, alles ist ganz wichtig und bedeutet viel mehr als früher. Und alle nerven und keiner versteht einen. Eine sehr merkwürdige Zeit, die dich für den Rest deines Lebens prägen wird.

Schnall dich gut an, denn die nächsten paar Jahre werden eine wilde Fahrt sein. Und falls du mal den Sicherheitsgurt vergisst und drohst aus dem Wagen zu fallen, komm vorbei, wir werden uns bemühen, dein Airbag zu sein!

Alles Liebe zum Geburtstag,

Gotti, Cerah & Squishy

PS: Wir wissen noch nicht genau, wann wir heute vorbeikommen werden, weil wir nachmittags erst noch unseren Fototermin haben. Hoffentlich nicht zu spät, aber ich komme auf jeden Fall und wenn’s erst nach Mitternacht ist.

Oh Gott

Hier zu bewundern, das erste Video, das unser Sohn selbst gedreht hat. Mit nettem künstlerischem Effekt. Prima. Nein, wir haben ihm die Kamera nicht gegeben. Neuerdings ist bei uns alles ein Selbstbedienungsladen. Nichts ist mehr sicher und wenn man auch nur den Bruchteil einer Sekunde vergisst das Kind zu fixieren, hat er bestimmt wieder was neues, tolles in den Händen. Wie eben die Kamera. Leider bekommt er jetzt auch die Wohnungstür alleine auf und den Hebel der Terassentür alleine zu. Ich sehe uns schon des öfteren draußen stehen, während das Kind drinnen an die Scheibe hämmert und lautstark heult, weil er ein- und wir ausgesperrt sind. Spaßige Zeiten, die da auf uns zukommen…

Immer wieder Coming-Out

Jeden Mittwoch wird bei uns in der Firma geputzt. Da kommen zwei nette Mädels, die hier alles picobello sauber machen. Die sind wirklich gründlich, immer gut drauf und zu einem Schwätzchen bereit.

Ich habe hier ein Bild von Squishy an der Wand.

Die Eine schaut das an und fragt: Ist das dein Sohn?

Ich (mit stolz geschwellter Brust): Ja.

Sie: Wie alt ist der denn? So drei/vier?

Ich: Nee, wesentlich jünger. Er ist erst 19 Monate alt.

Sie: Der sieht aber schon groß aus. Wie managst du das denn mit Arbeit und Kind?

Ich (nach zwei Sekunden zögern): Er ist zuhause bei meiner Frau.

Sie (kurze erstaunte Pause): Ach so. Du hast eine Freundin. Schön.

Ich: Ja, das funktioniert ganz super. Ich bin nicht so der Typ, der mit Kind zuhause bleiben kann. Mir fällt ziemlich schnell die Decke auf den Kopf.

Sie: Ja, das kann ich verstehen. Wenn ich mal Kinder haben sollte, dann muss auch der Mann zuhause bleiben. Da bin ich genauso. Bla bla bla (bedeutet das Gespräch geht seinen normalen Gang)

Und jedes Mal, wenn diese Frage kommt, wo denn mein Kind ist, wenn ich arbeite, zögere ich für einen Moment. Eigentlich ohne Grund, denn es kommt hinterher immer das Gleiche: Zuhause bei meiner Frau. Und die Frage kommt immer irgendwann. Ich glaube, ich sollte aber anfangen zu sagen: Zuhause bei seiner Mutter. Oder noch besser: Zuhause bei seiner Mutter, die auch gleichzeitig meine Frau ist. Das wäre politisch korrekt. Aber immerhin bin ich schon mal so weit, dass ich diese Antwort ohne doofes Gefühl geben kann. Ich habe bisher auch noch nie eine negative Reaktion bekommen. Meistens eine erstaunte, kurze Pause und das war’s dann. Das Gespräch geht normal weiter oder ich bekomme weitere Fragen gestellt, das trauen sich auf Anhieb allerdings nicht viele.

Und überhaupt, wo sind die Zeiten geblieben, als so eine “abartige” Lebensweise wie unsere zum Hauptgesprächsthema wurde. Kein Mensch hat den beiden Bescheid gesagt, dass ich “andersrum” bin. Und ich dachte, das macht man so. So ein Tratsch und Klatsch müsste doch eigentlich gleich weiterverbreitet werden. Aber nein, ich bin wohl doch ganz normal und kein Hahn kräht danach, ob ich jetzt mit Frau und Kind oder Mann und Kind zusammenleben. Wieso kapiert das die Politik dann nicht und stellt unsere Lebenspartnerschaft endlich mit einer Ehe gleich?