Irgendwie bedrückend
Ich war gestern mit meinem Chef in der Tumorbiologie sprich der Uniklinik. Er musste da mal wieder zum Blutabnehmen hin und ich habe ihn hingefahren, weil sein Auto gerade in der Werkstatt ist. Er hat immer noch nicht alle Werte, aber wenigstens weiß er jetzt, dass er definitiv Leukämie hat und dass es eine chronische Form ist. Das ist in so fern gut als dass diese Form einen länger leben lässt und am Anfang nicht behandelt, sondern nur überwacht wird. Im Gegensatz zu akuter Leukämie, die wesentlich aggressiver verläuft und die schlimmer ist.
Da saß ich dann also im Wartezimmer der Tumorbiologie, während mein Chef sein Blut abgegeben hat und fühlt mich beklemmt. Ich saß da ganz unbehelligt zwischen Menschen, denen gesagt wurde, dass ihr Leben zu Ende ist morgen, übermorgen, in einem Jahr, in drei Jahren. Das ist schon ein komisches Gefühl, denn entspannt war die Stimmung in diesem Wartezimmer garantiert nicht. Das war irgendwie ganz still, mit flüsternden Unterhaltungen und angespannt. Und ich saß da mit meiner Bunte, habe mich hirnloserweise darüber informiert, dass J.Lo ihre Zwillinge ohne mein Wissen Ende Februar zur Welt gebracht hat und war froh, dass es mir so gut geht.
Schon komisch, wie einen solche Dinge wieder auf den Boden bringen und die Dankbarkeit für das erwacht, was man hat. Vor allem weiß ich ja nie, wie lange ich das noch haben werde. Wer sagt denn, dass ich mich nicht morgen an einer Fischgräte verschlucke, ins Krankenhaus muss und die mir dann sagen, dass ich nur noch ein Jahr zu leben habe? Vielleicht sollte ich mich öfter mal in so ein Wartezimmer setzen, wenn mir mein Leben mal wieder so wahnsinnig furchtbar und ungerecht erscheint. Zum Glück ist das recht selten der Fall, aber es ist gut zu wissen, was hilft, um mal wieder den Kopf zurechtgerückt zu bekommen.

