Die Insemination-Frage

Die kam gestern im Interview vor und lautet so: Wann haben Sie Squishy von der Insemination erzählt? Logischerweise ist er dazu noch zu klein, also war es dann eher: Wann haben Sie vor Squishy von der Insemination zu erzählen? Meine spontane Antwort war, dass es da keinen bestimmten Zeitpunkt geben wird, sondern dass er von Anfang an Bescheid wissen wird. In etwa so wie ich mich nicht daran erinnern kann, wann ich aufgeklärt worden bin. Ich wußte einfach schon immer wie Babys entstehen, das war nie irgendeine große, geheimnisvolle Sache. Ich habe sogar unwissend in der Grundschule eine Freundin aufgeklärt, die das nämlich nicht wußte. Hat sie mir Jahre später zu meinem Erstaunen mal erzählt.

Aber zurück zum Thema. Hinterher habe ich mir dann überlegt, wie das wohl in einer Mama-Papa-Familie ist. Es gibt ja genügend Kinder, die per IVF oder sonst einer Methode der künstlichen Befruchtung gezeugt werden. Ist das da auch ein Thema? So nach dem Motto: Ach übrigens, du bist nicht beim lustigen Matratzentanz gezeugt worden, sondern im Reagenzglas? Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass das wirklich zum Thema gemacht wird. Und vorallem: Interessiert das überhaupt jemanden?

Andererseits kann ich das auch irgendwie verstehen, dass man das als Mama-Papa-Familie nicht unbedingt zum Thema machen will. Denn da geht vermutlich auch eine ziemlich lange Leidensgeschichte voraus. Obwohl es da auch diese und jene Familien geben wird. Aber was mache ich mir Gedanken, das ist ja nicht mein Problem. Wir werden die Insemination-Frage so handhaben oder planen, sie so handzuhaben, dass Squishy sich nicht daran erinnern wird können, wann er denn darüber Bescheid wußte, dass sein Vater ein Samenspender ist, weil das einfach schon immer so war. Auf große Dramen oder Geheimnisenthüllungen stehe ich sowieso überhaupt nicht, also wird es das bei uns auch nicht geben.

Interview

Jetzt war ich also auch dran und durfte meine Weisheiten zum Thema Regenbogenfamilie zu Protokoll bringen. Ich hatte eine sehr nette Dame dran, die offensichtlich nicht wirklich viel Ahnung von der rechtlichen Situation einer Regenbogenfamilie hat. Das fand ich allerdings sehr positiv, denn da fehlt dann die Voreingenommenheit und man beschreibt quasi ein weißes Blatt Papier. Das hat ja durchaus seine Vorteile. Natürlich hatte sie ein Basiswissen, muss ja auch sein, aber über manche Dinge war sie doch erstaunt.

Und manche Dinge sehen doch gleich ganz anders aus, wenn man sie mal im richtigen Zusammenhang sieht – Die Sache mit der Familie zum Beispiel. Um als gleichgeschlechtliches Paar mit Kind als Famili anerkannt zu werden, bei der das Kind zwei gleichberechtigte Elternteile hat, müssen jede Menge Behördengänge und Papierkram erledigt werden.

Normalerweise ist es ja so: Mann und Frau. Frau wird schwanger, bekommt Kind. Kind hat gleich Mama und Papa, mit gleichen Rechten. Ende der Geschichte.

Bei unsereins sieht das so aus: Frau und Frau. Riesen Aufwand um schwanger zu werden: Samenspendersuche etc. Es klappt, Kind kommt auf die Welt. Hat einen legalen Elternteil. Um zwei gleichberechtigte Elternteile zu bekommen, muss erst mal eine eingetragenen Lebenspartnerschaft vorhanden sein. Ohne Lebenspartnerschaft, keine Stiefkindadoption. Dann die Stiefkindadoption selbst. Das ist ja ein Riesenaufwand, kostet Geld, Zeit, Nerven und ein bißchen Menschenwürde. Kind hat also im schlechtesten Falle erst im Grundschulalter zwei legale Elternteile und ist damit meiner Meinung nach auf jeden Fall benachteiligt. Und das alles obwohl das Kind von beiden Elternteilen gewollt, geplant und realisiert wurde. Ich sehe da noch sehr viel Verbesserungspotenzial ohne zu vergessen, dass es schon mal ein Schritt in die richtige Richtung ist, dass eine Stiefkindadoption überhaupt möglich ist.

Mein zweiter großer Punkt war der, dass wir mit 400 Euro weniger im Monat auskommen müssen. Das benachteiligt nicht nur uns, sondern vor allem Squishy. Denn dieses Defizit bekommt er natürlich auch zu spüren. Die Eltern seiner Freunde werden dieses Geld für seinen Freund zur Verfügung haben, wir nicht. Sicher geht es auch ohne, aber besser ginge es mit.

Gelernt habe ich, dass Assistentin der Geschäftsführung ein hochqualifizierter Job ist, weil da ja nur noch der Geschäftsführer drüber steht. Habe ich noch nie so gesehen, macht aber durchaus Sinn. Gelacht hat sie darüber, dass ich meinte, dass ich daran arbeite, dass irgendwann mal niemand über mir ist. Woraufhin ich meinte, dass ich schließlich auch Ziele im Leben brauche.

Im großen und ganzen war das Interview sehr interessant, es gab viele Fragen bezüglich der Rollenverteilung in unserer Beziehung, wie wir Squishy erziehen, wie die Reaktionen unsere Umwelt auf unseren ungewöhnlichne Lebensstil ausfallen, vor wem wir uns alles geoutet haben etc. Die Fragen waren sehr psychologisch formuliert, was für mich natürlich ein gefundenes Fressen ist, da ich sowieso ein Wortfetischist bin. Auf jeden Fall war’s eine Erfahrung wert und ich bin mal gespannt, ob die uns auch persönlich treffen wollen, um uns psychologisch zu ergründen.

Wir sind dabei

Ich habe irgendwo schon mal davon berichtet, das wir an einer Studie teilgenommen haben. Es handelt sich dabei um das Projekt “Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften” vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität in Bamberg zu finden hier. Das war im Juni letzten Jahres und da seitdem bei uns ziemlich viel los war, haben wir das wieder vergessen.

Bis heute das Telefon klingelte und eine nette Dame meiner Frau ziemlich viele Fragen im Rahmen dieses Projektes gestellt hat. Das Interview hat wohl eine halbe Stunde gedauert und morgen bin ich dran. Es ging wohl um so ziemlich alles, die Rollenverteilung in unserer Partnerschaft, ob wir uns viel streiten, ob wir mit Squishy streng sind, ob wir ihn zu sehr zurückhalten, ob wir irgendwelche Diskriminierung erfahren haben, wie lange die Stiefkindadoption gedauert hat, was wir alles dazu gebraucht haben, was wir verdienen, wann und wo wir uns kennengelernt haben und so ziemlich alles andere, was man noch über uns in Erfahrung bringen kann.

Die nette Dame möchte das gerne auch von mir wissen, weshalb sie morgen nochmal anruft und mich interviewt. Ich bin ja mal gespannt und werde auf jeden Fall wieder berichten.