Wie viele andere auch, habe ich in den Nachrichten von Lea-Sophie gehört. Die Fünfjährige, die ihre Eltern verdursten und verhungern lassen haben. Und wie viele andere auch bin ich erst mal sprachlos, wütend und betroffen. Wie bitte kann man sein Kind verhungern lassen? Und wieso ist daran das Jugendamt Schuld? Hat das Jugendamt etwas das Kind auf die Welt gebracht? Oder ist es vielleicht mit dem Mädchen verwandt? Wohl kaum. Meiner Ansicht nach ist es einzig und alleine die Schuld der Eltern, die ihr Kind vernachlässigt und so dessen Tod verschuldet haben. Und wo waren die Großeltern und der Rest der Familie? Hatten die Eltern denn keine Freunde? Oder nähere Bekannte aus dem Sportverein oder sonstwo her? In ein paar der Artikel wird behauptet, die Großeltern hätten das Jugendamt bereits vor einem Jahr auf die furchtbare Situation ihrer Enkelin hingewiesen. Selbst wenn das so war, wieso haben sie selbst nichts unternommen? Die Eltern haben wohl auch einen Säugling, der bestens versorgt ist. Ich als Großeltern hätte die Schwangerschaft da gnadenlos ausgenutzt. Schließlich ist so eine Schwangerschaft anstrengend, da kann man doch das Mädchen mal zu sich nehmen, um die arme gestresste Mutter zu entlasten. Und das ließe sich doch sicher ausdehnen. Und dann nach der Geburt, wäre das doch sicher auch hilfreich. Damit wäre doch schon geholfen gewesen. Oder Lea-Sophie selbst zum Jugendamt oder zum Arzt bringen? Ich verstehe es einfach nicht. Trotzdem tragen auch die Großeltern nicht die Hauptschuld, denn die liegt einzig und alleine bei den Eltern. Wieso konnten die nicht zugeben, dass sie überfordert sind? Für so viele Menschen ist es so schwer ein Kind zu bekommen oder dann alternativ zu adoptieren. Wieso muss dann in einem angeblich modernen und sozialen Land wie unserem ein Kind verhungern? Ich verstehe es einfach nicht. Und dann lese ich diesen Satz: Eltern, die ihre Kinder schlagen, hören 14 Tage vor der Untersuchung auf zu schlagen, damit die blauen Flecke verschwinden. Und mir wird einfach nur schlecht. Das ist psychopathisch und menschenunwürdig. Da kann man nicht sagen, mir ist halt mal die Hand ausgerutscht. Denn das ist eine wissentlich ausgeführte und eiskalt kalkulierte Folter. Dafür habe ich kein Verständnis und dafür gibt es keine Entschuldigung. Und dann fällt mir wieder ein, wie schwierig es ist, etwas gegen solche Dinge zu tun. Ich hatte in der Grundschule und auch später auf dem Gymnasium ein Mädchen in der Klasse, das sehr oft sehr schlimm geschlagen wurde. Gesagt hat sie natürlich nie was. Sie war ein Außenseiter ohne Freunde und auch immer irgendwie “komisch”. Und wir waren so gemein zu ihr. Sie hat sich bemüht, nett zu sein, es immer allen Recht zu machen und hat immer alles mit einem Lächeln ertragen. Im Umkleideraum vor dem Sportunterricht hat sie sich immer in einem dunklen Eck versteckt und sich dort umgezogen, damit niemand sie sehen kann. Wir haben uns darüber lustig gemacht, dass sie so prüde ist und wie lächerlich das doch ist. Dabei hat sie nur ihre Blutergüsse und blauen Flecken versteckt. Jahre später habe ich über ein paar Ecken erfahren, dass ihre jüngere Schwester – die beiden waren immer unzertrennlich – einer ehemaligen Klassenkameradin erzählt hat, wie das früher bei ihnen zuhause war. Dass sie den ganzen Nachmittag nach der Schule ihre Zimmer eingeschlossen wurden, damit sie lernen. Für schlechte Noten – alles was schlechter als eine 2 war – wurde geprügelt und ihr Leben war die Hölle auf Erden. Was eine Familie ist, hat sie als Kind nie erfahren, denn ihre Familie waren nur genetisch verwandte Menschen, die alle im selben Loch steckten. Erst als sie mit 20 ein Kind mit ihrem Freund bekam, durfte sie zum ersten Mal erleben, was eine Familie wirklich ist. Sie hat heute keine Ahnung, wo ihr Schwester oder ihre Eltern leben und es interessiert sie auch nicht. Ich weiß nicht, wie viel von ihrem Elend von anderen Erwachsenen gesehen wurde oder ob jemand mal versucht hat, zu helfen. Ich habe es damals nicht kapiert, denn in meiner Welt gab es so etwas nicht. Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Als ich dann vor ein paar Jahren davon erfahren habe, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Da waren so viele Dinge, die offensichtlich waren. Heute würde ich es vermutlich merken, als Kind hatte ich keine Ahnung. Ich habe eine Woche lang jede Nacht von den beiden geträumt, bis ich es verarbeiten konnte. Ich habe keine Schuldgefühle, aber der Schock, dass Kinder überall misshandelt werden und niemand etwas macht oder auch nur etwas merkt, sitzt tief.