Die lieben Kleinen

Mir fällt immer mal wieder auf, wie unterschiedlich wir als eher nordamerikanisch geprägte Eltern mit unserem Kind umgehen als unsere Freunde und die anderen Eltern, denen wir so begegnen.

Der erste Punkt ist die grundsätzliche Einstellung zum schreienden Baby. Wir bekommen immer wieder zu hören: “Ein Baby muss manchmal schreien, das machen die so. Ist gut für die Lunge und die schreien halt auch mal ohne Grund.” Nö, machen sie nicht. Nur weil man nicht so leicht rausfinden kann, wieso denn besagtes Baby nun grad mal schreit, heißt das noch lange nicht, dass es völlig ohne Grund schreit. Und: ein zufriedenes Baby schreit nicht. Und schon garnicht weil es nun grad mal Lust drauf hat.

Was mich zum zweiten Punkt bringt. Wenn das Baby/Kind schreit, braucht man nicht gleich einen Schnuller, um eben jenes zu unterbinden. Ich weiß, dass viele Eltern den wundervollen Schnuller als Lautstärkenregeler benutzen, weil es ja so schon praktisch ist, wenn die lieben Kleinen den Mund halten. Da halten wir nicht wirklich viel davon. Ich gebe zu, dass ich diese Marotte eine zeitlang auch mal angefangen habe, was mir dann immer gleich einen Anschiss von Cerah eingebracht hat, wofür ich echt dankbar bin. Ich kenne das halt auch nur so: Kind schreit, Kind nervt, Schnuller rein und gut ist. Das resultiert dann darin, dass dieses Plastikteil den ganzen Tag lang dabei sein muss und auch dementsprechend oft benutzt wird, nämlich immer. Bei uns sieht man ja gerne mal 5-jährige noch mit einem Schnuller im Mund rumlaufen, was meiner Ansicht nach absolut daneben ist. Als Cerah das zum ersten Mal gesehen hat, ist sie schier aus den Latschen gekippt und konnte überhaupt nicht darüber wegkommen, dass die Eltern da nichts unternehmen und das ganz normal finden. In Kanda und den USA ist der Schnuller spätestens mit einem Jahr weg und das ist auch gut so. Wir besitzen genau zwei Schnuller und die sind beide im Bett und bleiben auch da. Nur wenn wir lange mit dem Auto unterwegs sind oder irgendwo hin gehen, ist auch ein Schnuller dabei, zum Schlafen und weil so eine lange Fahrt für alle kein Spaß ist.

Der dritte Punkt ist das Schlafengehen bzw. ins Bett bringen. Ich kenne das so: ewiger Kampf, viel Geschrei, entnervte Eltern und entnervte Kinder – egal in welchem Alter. Sicher ändert sich das immer wieder im Laufe der Zeit je nachdem wie alt das Kind ist und welche Phase es gerade durchmacht. Das erste Mal anders habe ich das in den USA erlebt. Die Kleine war zwei. Ich habe sie umgezogen, ihr die Zähne geputzt, sie ins Bett gebracht und nichts ist passiert. Sie hat Gute Nacht gesagt, sich umgedreht und das war’s. Kein Pieps mehr. Kein “ich habe Durst”, “ich kann nicht schlafen”, “nur noch 5 Minuten”. Nichts. Ich konnte es nicht glauben, aber das war keine Ausnahme sondern die Regel. Die Kinder von Cerahs Schwester sind genauso, denn es herrscht die Einstellung vor, den Kindern so früh wie möglich beizubringen, dass es nichts schlimmes ist ins Bett zu gehen und zu schlafen. Selbst Squishy, der überhaupt kein begeisterte Schläfer ist, macht keinen Mucks, wenn er zum Mittagsschlaf oder abends ins Bett gebracht wird. Er schreit nur, wenn es nicht sein eigenes Bett ist. Das mag er nicht so gerne. Okay, er ist erst 8 Monate alt, aber ich habe schon genügend Babys in dem Alter erlebt, die erst mal eine Runde schreien, wenn sie ins Bett gelegt werden, um dann irgendwann mal einzuschlafen. Er hatte auch eine Phase wo er geschrien hat, als wir ihn in sein Bett gelegt haben, aber das ging mit der richtigen positiven Verstärkung auch wieder rum. Ich weiß nämlich jetzt, dass man ihn nicht rausholen soll, wenn er schreit, sondern wenn er zwischendurch mal still ist. Sonst bringt man ihm nur bei, dass sein Schreien belohnt und er vor dem furchtbaren, furchtbaren Bett “gerettet” wird. Wäre ich nie im Leben selbst drauf gekommen und schon garnicht, das auch konsequent durchzuziehen. Aber wozu ist die andere Mutter schließlich gelernte kanadische Erzieherin, was ein riesiger Unterschied zu einer deutschen Erzieherin ist. Das geht eher in Richtung Pädagogin und ist etwas höher anzusiedeln als unsere Erzieherinnen.

Das wollte ich nur mal gesagt haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass im Laufe der Zeit noch mehr Punkte dazukommen werden, aber für die ersten acht Monate reicht das ja auch schon.

Ich bin dran

Endlich darf ich auch Harry Potter lesen. Eigentlich wollte ich ja schon am Sonntag anfangen und dann gestern, hab’s aber irgendwie nicht geschafft. Aber heute früh war es dann endlich soweit: Ich stand am Bahnhof und habe die erste Seite aufgeschlagen. Jetzt werde ich dann etwa 5 Wochen brauchen bis ich dann endlich fertig bin, denn ich lese normalerweise nur in der Bahn oder wenn ich am Bahnhof auf eben jene warte. Es sei denn es ist wahnsinnig spannend, dann kann ich es nicht aus der Hand legen und muss die ganze Zeit zwanghaft lesen.

Das sind dann die Tage an denen ich überdurchschnittlich oft und lange auf die Toilette muss, und das Buch muss natürlich immer mit dabei sein. Ich könnte mich sonst ja langweilen. Natürlich weiß ich schon wer stirbt und wie das Buch ausgeht, ich hab’s mir erzählen lassen. Aber das ist für mich kein Hindernis, deshalb werde ich es trotzdem genießen und das nimmt für mich auch nichts von der Spannung weg, denn ich war ja nicht dabei. Ich versinke immer so in Büchern, dass ich das Gefühl habe, wirklich live dabei zu sein.

Und ich heule grundsätzlich. Ich heule bei fast jedem Film und jeder TV-Serie, die irgendwo auch nur ein verstecktes Tränenpotenzial haben. Das letzte Buch (Beim Leben meiner Schwester), welches uns meine Mama mitgegeben hat, hat mich mindestens einen Liter an Tränenflüssigkeit gekostet. Das war aber ein sehr gutes Buch, was ich nur weiterempfehlen kann. Es regt zum Nachdenken an und endet völlig überraschend und ich habe die letzten 20 Seiten geheult wie ein Schlosshund. Ich finde es einfach immer ganz furchtbar, wenn Menschen sterben. Ja, ist mir schon klar, dass es die Menschen in den Büchern nicht im echten Leben gibt, aber das macht es nicht weniger traurig. Und wenn ich so über die Personen lese und sie besser kennenlerne, dann gibt es sie irgendwie doch und dann ist es auch traurig, wenn sie leiden und sterben. Und dann muss ich eben heulen.

Auf jeden Fall werde ich es genießen, den letzten Harry Potter Band zu lesen und ich hoffe, dass die Leute in der Bahn mich nicht zu doof ankucken, wenn ich auf einmal losheule.

Tada!

Kennt ihr das Gefühl, dass alles irgendwie zu gut läuft, um wahr zu sein? Das Gefühl habe ich im Moment. Wir haben seit Freitag eine Wohnung in meinem Heimatort. Und das nicht nur gemietet sondern gekauft. Enorm coole Sache! Drei Zimmer, die Schlafzimmer mit echtem Parkett, das Wohn- und Esszimmer mit Fliesen, eine komplett eingerichtete Küche, eine Terasse und etwas Rasen und das alles im Erdgeschoss mit Carport, in einer wunderbar ruhigen Gegend mit Spielplatz ums Eck. Kann es denn noch besser werden? Ich bezweifle es. Wir sind schon eifrig dabei, Pläne zu machen, wie wir alles anstreichen, was wir an neuen Möbeln wollen – schließlich haben wir ja dann fast doppelt so viel Platz wie jetzt – was wir wo verändern wollen und so weiter. Ich hätte ja nie geglaubt, dass wir irgendwann mal eine richtige eigene Wohnung haben werden, aber mit ein bißchen Hilfe (okay, ein bißchen viel Hilfe) ist alles möglich. Danke!

Jetzt brauchen wir noch einen Job, um die Sache perfekt zu machen, aber das kommt auch noch.

Am meisten freue ich mich für Cerah, für Squishy und für meine Eltern.

Für Cerah, weil das für sie bedeutet, endlich nicht mehr umziehen zu müssen und ein richtiges Zuhause zu haben. Sie hat mir irgendwann mal gesagt, dass mein Heimatort eigentlich mehr zuhause für sie ist als alle anderen Orte, an denen sie jemals mit ihrer Familie gewohnt hat.

Für Squishy, weil er die Möglichkeit hat, so aufzuwachsen wie ein Kind es sollte. Mit Platz zum Spielen, in der Nähe der Familie, beschützt und geliebt von den Menschen auf die es ankommt, auf dem Land, mit der Natur und hoffentlich einer Heimat, die er genauso liebt wie ich.

Für meine Eltern, weil wir jetzt alle wieder in der Nähe sein werden. Sie bekommen mich und Cerah zurück und haben die Chance Squishy richtig kennenzulernen und aufwachsen zu sehen. Und das ist mehr wert, als alles andere und ich weiß, dass sie das genauso sehen.